Das Furtner-Anwesen in der Oberen Stadt
Die Obere Stadt bildet den westlichsten Teil der historischen Bürgerstadt in Freising. Bezeichnet ist damit ungefähr der Bereich zwischen dem westlichen Altstadtzugang (Standort des ehem. Veitstores) und dem rund 270 Meter östlich davon gelegenen „Schiedereck“, jenem Punkt, an dem die Hauptstraße deutlich schmäler wird und in die Mittlere Stadt übergeht. Die innerhalb der Freisinger Altstadt noch mehr- fach gebräuchlichen geografischen Straßenbezeichnungen („oben“, „mitte“, „unten“) beziehen sich auf den Flusslauf der Stadtmoosach; mit der Oberen Stadt ist derjenige Teil der historischen Bürgerstadt gemeint, der am oberen Abschnitt des Baches liegt. Die für die Obere Hauptstraße heute so charakteristische Breite geht auf verschiedene Neugestaltungsmaßnahmen des 19. Jahrhunderts zurück und ist damit vergleichsweise jung: Die im Uraufnahmeblatt von 1810 erkennbare Häuserzeile, die zwischen die heutige Bebauung auf der Nord- und Südseite eingeschoben war, hatte man in den Jahren 1834 bis 1836 ersatzlos abgebrochen. Nachdem die Stadtmoosach Ende des 19. Jahrhunderts sukzessive überdeckt worden war – 1880 zunächst ein Teilstück von der Sackgasse bis zur Hirtlederergasse, dann 1892/93 von dort aus bis zur Bahnhofstraße –, entstand jener trapezförmige Straßenraum, der – trotz einiger jüngerer Umgestaltungen – bis heute das Bild der Oberen Stadt prägt.

Das Furtner-Anwesen liegt ungefähr in der Mitte der nordseitigen Bebauung der Oberen Stadt. Das vergleichsweise kleine, fast vollständig bebaute Grundstück öffnet sich mit dem repräsentativen Gasthaus nach Süden zur Hauptstraße. Im Norden grenzt es mit den Brauereigebäuden an das große, inzwischen dicht bebaute Grundstück des ehemaligen Dechanthofes des Kollegiatstiftes St. Veit. Der Dechanthof selbst hat seinen Standort nordwestlich des Furtner-Anwesens, einige Meter abseits der Hauptstraßenbebauung, und wird durch das „Furtner-Gässchen“, das entlang der Westseite von Gasthaus und Brauerei verläuft, erschlossen. An die Ostseite des Furtner-Anwesens grenzt ein Gebäude, das in der Vergangenheit ebenfalls eine Gaststätte beherbergte, spätestens seit Mitte des 18. Jahrhunderts unter dem Namen „Zum Alten Geld“.
Das repräsentative Gasthaus, das zu den größten bürgerlichen Anwesen in der Freisinger Altstadt gehört, wurde in den Jahren 1886/87 errichtet. Der Neubau war notwendig geworden, weil das bisherige Gasthaus in der Nacht vom 14. auf den 15. September 1886 durch einen schweren Brand zerstört wurde.
Beim alten Furtner-Anwesen handelte es sich eigentlich um zwei Häuser: Zum einen um das ursprüngliche Gasthaus, das sich in etwa über die westliche Hälfte des heutigen Hauses erstreckte. Es dürfte im 15. Jahrhundert errichtet worden sein und besaß – soweit man es auf den bekannten Fotografien, die den alten Furtner zeigen, erkennen kann – eine über- aus aufwändige Fassadengestaltung: ein steil aufragender gotischer Giebel, der von fünf Fialen bekrönt war. Das zweite Haus des alten Furtner-Anwesens, das knapp die östliche Hälfte des jetzigen Gasthauses einnahm, konnte im Jahr 1670 vom damaligen Furtnerbräuer Balthasar Huber erworben werden. Es wurde dem Furtner-Anwesen wohl relativ zeitig angefügt, da es in der Folgezeit als eigenständiges Anwesen quellenmäßig nicht mehr fassbar ist. Anders als das alte Gast- haus war dieses Haus zur Hauptstraße hin traufständig. Es umfasste drei Geschosse, die Schaufassade war weit weniger aufwändig gestaltet als diejenige des westlichen Hauses. Zu einer Angleichung der beiden Fassaden – wie es beispielsweise ab 1838 im Fall der drei Sporrer-Anwesen, jetzt „Bayerischer Hof“, geschah – kam es im Fall der beiden Furtner-Häuser nicht. Bis zu ihrem Ende 1886 blieben beide Häuser des alten Furtner-Anwesens im Stadtbild als eigenständige Baukörper sichtbar.

Das Feuer, dem das alte Anwesen binnen Stunden zum Opfer fallen sollte, brach in der Nacht vom 14. auf den 15. September 1886 aus, wobei laut der beiden Berichte zum Brand im Freisinger Tagblatt ein konkreter Brandherd letztlich nicht ausgemacht werden konnte. Die Brauerei wurde stark beschädigt, jedoch nicht zerstört. Anders das Gasthaus an der Hauptstraße: Hier setzte sich das Feuer über viele Stunden fest, so dass es am Nachmittag des 15. September den markanten gotischen Giebel zum Einsturz brachte. Die Intensität des Brandes wird nicht nur durch dessen lange Dauer, sondern auch durch den Einsatz von fünf Feuerwehren (Freising, Neustift, Vötting, Hohenbachern, Werkfeuerwehr Steinecker) ganz offensichtlich. Am Ende der ersten Berichterstattung des Freisinger Tagblatts über den Furtner-Brand (16. September 1886) äußerte der Autor den beinahe verheißungsvollen Wunsch, „…auf daß an der Stelle, wo das anheimelnde und gut besuchte alte Anwesen gestanden, eine neue nicht minder beliebte und um so praktischere Heimstätte des Bierbrauers sich erhebe.“ Tatsächlich beauftragte der damalige Furtnerbräuer Johann Braun sehr rasch den renommierten Freisinger Architekten Heinrich Lang mit der Ausarbeitung von Plänen für einen Gasthaus-Neubau. Die auf den 30. September 1886 datierten und darauffolgend beim Stadtmagistrat eingereichten Baupläne wurden am 7. Oktober genehmigt. Der von Braun vorgelegte Bauplan zur Instandsetzung der durch den Brand beschädigten Brauerei im hinteren Teil des Anwesens fand eine Woche später, am 14. Oktober, ebenfalls die Zustimmung des Stadtmagistrates. Den Betrieb der Gastwirtschaft – genauer: die Ausübung des „realen Gast- und Schankwirthschaftsrechtes“ – hatte man nicht unterbrochen, sondern in nahe gelegene Häuser verlegt: Bereits am Tag nach dem Brand (16. September) wurde dem mündlichen Antrag Johann Brauns entsprochen, seine Gast- und Schankwirtschaft im Erdgeschoss des Hauses Obere Hauptstraße 45 („Zirnbauer-Haus“) ausüben zu dürfen. Dieser provisorische Betrieb konnte auf ein erneutes Ansuchen hin am 23. September auf das Haus Obere Hauptstraße 41 („Entleutner-Haus“) ausgedehnt werden. Beide Anwesen lagen für den provisorischen Betrieb insofern günstig, als das dazwischen liegende Haus Obere Hauptstraße 43 im Besitz des Furtnerbräuers war; es diente ihm – und auch noch seinen Nachfahren – als Ökonomiegebäude.
Die vorübergehende Nutzung der beiden genannten Häuser durch den Gastbetrieb hatte bereits nach gut drei Monaten ein Ende. Am 23. Dezember 1886 erhielt Johann Braun die Genehmigung, seinen Betrieb im Erdgeschoss des offenbar bereits weitgehend fertiggestellten Neubaus wieder eröffnen zu dürfen. Am Weihnachtstag 1886 fand eine Eröffnungsfeier statt, unter anderem mit dem Ausschank von Bockbier. Der Innenausbau – die Ausstattung der Gasträume mit Holzvertäfelung, die Einrichtung der Gästezimmer, etc. – dürfte sich sicherlich noch längere Zeit hingezogen haben; hierauf bezieht sich möglicherweise eine weitere Eröffnungsfeier, die am 30. Oktober 1887 begangen wurde. Bemerkenswert sind im Zusammenhang mit dem Furtner-Neubau nicht nur die Betriebsamkeit des Johann Braun und das rasche Tempo des Wiederaufbaus, bemerkenswert ist auch das Ergebnis: Der Architekt Heinrich Lang nutzte die Chance, auf der mäßigen Flächengröße zweier mittelalterlicher Stadtparzellen einen repräsentativen Bau zu errichten, der im Stadtbild der Oberen Stadt eine Dominante darstellt. Lang bediente sich bei der Gestaltung der Schaufassade Elementen der Renaissance und des Barock und dabei – wie es für historistische Bauten des neuen Bürgertums der Zeit ganz gewöhnlich war – bewusst Stilmitteln der Schloss- und Palaisarchitektur. Augenfällig ist die Bezugnahme auf ein lokales Beispiel eines hochbarocken Stadtpalais, dem ebenfalls in der Oberen Stadt, nur acht Häuser unterhalb vom Furtner-Anwesen gelegenen Stadthaus der Familie Eckher von Kapfing und Liechteneck (heute „Härtingerhaus“ genannt). Durch sein Bauvolumen und die plastische Fassadengestaltung dominierte dieses Haus seit seiner Errichtung im späten 17. Jahrhundert die Obere Stadt. Dies dürfte Heinrich Lang, vielleicht auch dem Bauherrn Johann Braun bewusst gewesen sein und man sah darin möglicherweise ein für den Furtner-Neubau geeignetes Vorbild. Von der Erdgeschosszone abgesehen gibt es einige Parallelen, so etwa die Dreigeschossigkeit, die siebenachsige Anlage, die besondere Gestaltung des ersten Obergeschosses mit Dreiecks- und Segmentgiebel-Rahmungen – der ursprüng- liche Entwurf Langs sah hier exakt dieselbe Verteilung wie beim Eckherschen Stadthaus vor – oder auch die Putzfelder unterhalb dieser Fenster.
Mit diesem Neubau hat es zuletzt auch der Furtnerbräu – zumindest in der Außendarstellung – in den Kreis der orts- ansässigen „Edelbrauer“, die Freising-typische Variante des aufstrebenden Bürgertums des 19. Jahrhunderts, geschafft. So reiht sich der Furtner-Neubau von 1886/87 in die Serie der großen Gasthaus- und Brauerei-Bauten des 19. Jahrhunderts in Freising – Sporrer (Bayerischer Hof), Hackl (Hacklbräu), Duschl (Laubenbräu) – ein.
Im Laufe des 20. Jahrhunderts erfuhr das Furtner-Anwesen nur mehr zwei wesentlichere Veränderungen: 1962/63 wurde das Gasthaus nach den Plänen des Freisinger Architekten Hans Hofmann umgebaut. Dabei hatte man die breite Durchfahrt aufgelassen und den neuen Eingang in die Mittelachse des Gebäudes verlegt. Der frühere große Gastraum wurde in den Bereich der Durchfahrt verschoben. Außerdem kam es zu Veränderungen an der Fassade im Erdgeschossbereich: Die Rustizierung wurde stark abgeschwächt, zudem die alten Fenster durch Einscheibenfenster ersetzt. 1967 gab die letzte Furtnerbräuin, Sofie Braun, die Brauerei auf. Die Brauereigebäude, die in Teilen noch auf das 18. Jahrhundert zurückgehen dürften, blieben bis zum heutigen Tag fast unverändert erhalten.

Das Furtner-Anwesen